Michael von der Heide, Nubya und Christina Jaccard Divamix – Urgent Musical Treatment

Mi, Do, Sa und So | 17., 18., 20. und 21. April 2019 | 20.00 Uhr
Berner Première
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Spieldaten

Apr 2019

Eine musikalische Notfallbehandlung mit Biss, Ironie, Tiefe und Seelenbalsam von Michael von der Heide, Nubya und Christina Jaccard unter der Regie von Catriona Guggenbühl.

Glanz und Gloria, Glitter und Glamour? Erst einmal Fehlanzeige! Einen sterileren Ort als eine Notfallstation kann man sich kaum vorstellen. Schon gar nicht für drei Gesangs-Diven, die sich dort zu nächtlicher Stunde zufällig und ungewollt treffen, nachdem der Applaus verklungen ist, die Gagen kassiert und die Lichter gelöscht sind:  

Christina Jaccard, die kraftvolle und spirituelle Blues-Gospel-Diva mit Fähigkeiten in astrologischer Lebensberatung, verführerisch wie eine Jazz singende Marlene Dietrich.

Nubya, die geheimnisvoll-elegante Soul-Diva mit nigerianischen Wurzeln, an die nur scheinbar makellose Whitney Houston erinnernd.
Und schliesslich Michael von der Heide, als ehemaliger Diplom-Krankenpfleger mit den Notfallstationen des Landes einst bestens vertraut, der die bissig-charmante Chanson-Diva als glamourösere Version von Jacques Brel gibt.  

Was geschieht, wenn sich die drei Diven im Warteraum der Notfallstation (Bühnenbild/Requisite: Carla Hohmeister) begegnen, flankiert von einem mit seltsamen Flaschen und Dosen vollgestopften Tresen, einem mysteriösen Wasserspender und einem Nummernautomat, dessen Anzeigetafel, egal wie viele Tickets gezogen werden, immer stehen bleibt? Eine Extrabehandlung kriegen die Diven, obwohl in glamouröse Roben gekleidet (Kostüme: Willi Spiess), nicht. Sie müssen sich also auf eine längere Wartezeit einstellen, die sich allein durch die Lektüre der von bekannten Herzspezialisten empfohlenen «Dr.Stefan Frank»-Arztromane nicht vertreiben lässt.  

Obschon in einer Notfallsituation, sind sie als Diven penibel darauf bedacht, das Gesicht zu wahren und die verletzliche Seite – falls überhaupt vorhanden – gekonnt zu verstecken. Von der Neugierde getrieben, versucht jede, herauszufinden, was die  andere quält: Ein gebrochenes Herz, eine verlorene Stimme, ein Riss in der Seele,  ein angeknackstes Ego oder doch nur ein verstauchter Zeh? Sind die drei zu Beginn reserviert, zugeknöpft, unnahbar, findet im Verlauf des Abends eine Annäherung statt. Die Masken fallen, wobei dahinter jeweils gleich wieder neue Masken zum Vorschein kommen. Singend durch unterschiedliche Musikgenres aus mehreren Dekaden mäandrierend – von Bob Dylan über Nina Simone, Cher, Franz Schubert und Kurt Tucholsky bis zu Ray Charles und den Supremes – im absoluten Notfall auch dreistimmig, kehren sie jedoch allmählich ihr Innerstes nach aussen. Denn: Die Wahrheit liegt in der Musik (Musikalische Begleitung und Sounddesign: Dimitri Kindle).

«Divamix» kehrt exakt 20 Jahre nach der höchst erfolgreichen Erstauflage, damals mit  Michael von der Heide, Christina Jaccard und Maja Brunner, auf die Theaterbühnen in Zürich, Bern und Basel zurück. Ein Kühlschrank der Marke «Divamix» war zu jener Zeit Dreh- und Angelpunkt, in dessen Lichtschein der offenen Türe das Diven-Trio Temporärehen, abgesagte Hochzeiten sowie Themen aus der Altpapiersammlung verhandelte. Die Presse zeigte sich ekstatisch: «Ein deutliches Lebenszeichen dieses  in der Schweiz vom Aussterben bedrohten Genres – professionell gemachte, mitreissende leichte Unterhaltung jenseits jedes Sauglattismus», titelte die NZZ und die Basler Zeitung schrieb: «Divamix ist etwas vom Besten, was in den letzten Jahren auf einer Kleinkunstbühne zu hören und zu sehen war». Bereits vor 20 Jahren für die Regie und den dramaturgischen Faden verantwortlich war Catriona Guggenbühl, die gemeinsam mit Michael von der Heide in der europaweit gefeierten Inszenierung «Lina Böglis Reise» von Christoph Marthaler mitspielte. Seit «Divamix» haben die beiden drei weitere musikalische Theaterabende – «Hildegard» (2000), «Helvetia» (2003), «Paola et moi» (2016) – erarbeitet und dabei eine gemeinsame Theatersprache entwickelt.

Nun sind die Diven im neuen Millennium angekommen und es gilt, in «Divamix – Urgent Musical Treatment» so einige Fragen zu erörtern, beispielsweise wie man eine Diva definiert: «Sie ist im positiven Sinne elegant, auf Perfektion bedacht, grosszügig, geheimnisvoll, intelligent, kaum durchschaubar und im negativen Sinne launenhaft, zickig, unfair. Aber auch jemand der ganz natürlich den Raum einnimmt», sagt Michael von der Heide. Christina Jaccard ergänzt: «Eine Diva strahlt Magie aus. Sie reflektiert etwas, das Menschen und Publikum in Bann zieht. Und sie spürt eine Portion Macht, egal, ob diese aus Genialität, einem persönlichen Manko oder aus beidem entstammt». Für Nubya «strahlt eine Diva grösste Selbstsicherheit aus, auch wenn sie diese nicht unbedingt immer besitzt. Niemand würde auf die Idee kommen, einer Diva ihren Platz auf dem Podest streitig zu machen – ausser vielleicht eine andere Diva.»

Und wie haben sich die Vorstellungen einer Diva in den letzten zwanzig Jahren verändert? «Ich hatte und habe natürlich das Bild einer glamourösen Hollywood-Diva im Kopf», erzählt Michael von der Heide. «Heutzutage werden aber auch Männer als Diva betitelt, wie zum Beispiel die gestylten, frisierten, parfümierten und Millionengagen kassierenden Fussballer.» Christina Jaccard ist fasziniert, dass es Diven gibt, «die zur Diva geboren sind und es bleiben, auch wenn das Publikum wegfällt. Mein Bild hat sich insofern verändert, dass mich noch mehr der Mensch in und hinter jeder Diva interessiert.» Nubya hat «Diven früher eher mit Frauen in langen Roben in Verbindung gebracht, aber es gibt auch grossartige männliche Diven – und Katzen besitzen meiner Meinung nach ebenfalls ein hohes Divenpotential». Diven und Katzen ist die Kratzbürstigkeit gemein. Wie praktisch, ist der Schauplatz von «Divamix – Urgent Musical Treatment» eine Notaufnahme. So können allfällige Schrammen gleich behandelt werden.

Vor divenhaften Zügen sind die drei «Divamix»-Charaktere keinesfalls gefeit. Michael von der Heide gesteht: «Ich kann mich aufregen, wenn die Garderobe nicht liebevoll hergerichtet ist oder gar nicht erst bedacht wurde. Ich sage dann jeweils dem Veranstalter: Würdest du hier deine Mutter für einen Tag sitzen lassen?» Christina Jaccard nerven «Situationen nach einem Konzert, wenn Männer – Frauen tun dies nicht! – mich automatisch duzen oder mich nach einer kurzen Konversation zum Abschied küssen, auch wenn ich ihnen höflich die Hand reiche und markiere, dass ich nicht geküsst werden will». Bei Nubya kann «das Divenhafte durchdringen, wenn ich vor einem Auftritt nervös bin und am liebsten meine Ruhe haben möchte, sie aber nicht bekomme. Oder wenn mich jemand fragt, ob ich noch singe. Dann antworte ich: Ja was soll ich denn sonst machen? Pantomime?» Doch wer weiss, welche neuen Facetten und Talente die drei Diven in der ungewohnten Umgebung der Notfallstation preisgeben werden. Obwohl «die Charaktere in ‚Divamix’ unserer Persönlichkeit nahe sind», wie Nubya sagt, kommen gemäss Christina Jaccard «vielleicht auch ein paar Überraschungen zum Vorschein». Eine Pantomime ist also nicht ganz ausgeschlossen.  

Für Michael von der Heide ist das Schönste am neuen Projekt, «dass wir unser Diven-Dasein musikalisch ausleben können, ohne dass uns jemand böse ist». Und bevor die  drei ganz unterschiedlichen Diven allzu stark über die Stränge schlagen, hat Regisseurin Catriona Guggenbühl, quasi als im Hintergrund agierende Chefärztin, ein perfektes Mittel, die Diven im Zaum zu halten und den (dramaturgischen) Faden nicht aus der Hand zu geben: «Ich nehme einfach jede Diva zur Seite und sage ihr, ganz privat, dass sie einzigartig und grossartig sei». So bilden Michael von der Heide, Nubya und Christina Jaccard schliesslich in der Dreistimmigkeit eine Einheit, merken: «zusammen sind wir stark!» und berühren damit ihr Publikum. Dieses soll durch die musikalische Notfallbehandlung des Diven-Trios mittels Aktivierung der Lachmuskeln und wohlklingendem Seelenbalsam gestärkt in die Nacht entlassen werden. «Diese Show macht jeden Kranken gesund», meinte vor zwanzig Jahren ein begeisterter Besucher des ersten «Divamix»-Programms. Es gibt keine Zweifel, dass auch die Neuauflage dieselbe Wirkung entfalten wird. Für Risiken und Nebenwirkungen können Sie immer noch die Packungsbeilage lesen oder Ihren Arzt beziehungsweise Apotheker fragen.


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